Wenn alles unsicher wird: Wie wir Orientierung zurückgewinnen
Michael Kres |
4 min
04/10/2026

Was tun, wenn man nichts mehr tun kann?

Die Transformation ist längst da. Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt, der Klimawandel unsere Lebensgrundlagen, politische Zeitenwenden unsere Gewissheiten. Kriege finden wieder mitten in Europa statt. Und über allem liegt eine Sinnkrise, die immer mehr Menschen erfasst.

Was gestern noch als sicher galt, wird heute fragil. Orientierungspunkte verschwimmen. An ihre Stelle treten Ohnmacht, Unsicherheit und Zynismus – und die Sehnsucht nach einfachen Antworten.

Dabei hatten wir doch einmal geglaubt, die Aufklärung habe uns mündiger gemacht.

Die Sehnsucht nach der einfachen Welt

Eigentlich sollte die Fähigkeit, selbst zu denken, zu hinterfragen und Zusammenhänge auszuhalten, eine der grossen Errungenschaften der modernen Gesellschaft sein. Doch ausgerechnet in einer Zeit, in der wir Zugang zu mehr Wissen haben als jede Generation vor uns, scheint unsere Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Komplexität zu sinken.

Wir orientieren uns an Nachrichten, Halbwahrheiten und Algorithmen. An einfachen Versprechen. An Erklärungen, die sich in wenigen Sätzen konsumieren lassen. Und zunehmend an dem, was irgendwie in den eigenen Alltag passt – ohne uns mit allzu vielen Widersprüchen zu belasten.

Denn selbst zu denken ist anstrengend. Komplexität auszuhalten ist anstrengend. Sich eine eigene Meinung zu erarbeiten, die nicht bereits irgendwo fertig formuliert wurde, braucht Zeit. Zeit, die uns im Alltag ohnehin knapp erscheint.

Wenn Arbeit ihre Bedeutung verliert

Die Unsicherheit schwappt nicht nur auf die Ebene von Politik und Gesellschaft über. Sie dringt in unser unmittelbares Leben ein. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wird weniger investiert, werden weniger neue Arbeitsplätze geschaffen. Unternehmen senken Kosten, verlagern Tätigkeiten ins Ausland oder automatisieren sie. Künstliche Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich.

Das ist zunächst eine wirtschaftliche Frage. Aber eben nicht nur. Denn Arbeit ist für viele Menschen weit mehr als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie gibt Struktur, soziale
Kontakte, Anerkennung und – vielleicht am wichtigsten – Identität. Was passiert also, wenn Arbeit, wie wir sie bisher kennen, verschwindet oder sich radikal verändert?
Wer sind wir dann? Und was tun wir, wenn wir feststellen, dass wir auf diese Frage keine überzeugende Antwort haben?

Der erste Schritt könnte erstaunlich klein sein:
Vielleicht liegt die Antwort nicht darin, noch mehr zu tun. Vielleicht müssen wir zunächst weniger tun.

Zum Beispiel weniger scrollen. Das Smartphone begleitet uns heute nahezu überallhin. Es liefert uns Nachrichten, Meinungen, Bilder, Empörung, Unterhaltung und vermeintlich relevante Informationen – rund um die Uhr. Doch wie viel davon brauchen wir wirklich?

Was verändert ein weiterer von 1’000 Schminktipps in unserem Leben? Was bringt uns der Alkoholkonsum eines B-Promis?
Welche Bedeutung hat die digital tausendfach weitergereichte Aussage eines Politikers tatsächlich für unseren Tag?

Denken braucht Leerräume. Reflexion braucht Ruhe. Verständnis entsteht nicht allein dadurch, dass Informationen auf uns einprasseln. Im Gegenteil: Wer ständig mit Informationen geflutet wird, hat irgendwann kaum noch Gelegenheit, sie einzuordnen.

Dabei beginnt genau dort Selbstbestimmung. Eine Aussage nicht nur zu hören, sondern zu verstehen. Ihre Bedeutung zu erfassen. Sie mit eigenen Erfahrungen abzugleichen. Das ist die Grundlage persönlicher Identität.

Wem diese Fähigkeit abhandenkommt, wer nie innehält, übernimmt irgendwann leicht die Gedanken anderer. Das macht uns empfänglich für einfache Erklärungen, für Empörung und für Heilsversprechen aller Art.

Transformation beginnt mit einem Weniger

Wir wissen das aus unserer fast 30-jährigen Arbeit mit Unternehmen auf der ganzen Welt: Transformation bedeutet selten, einfach mehr von etwas zu machen.
Sie beginnt häufig mit einem bewussten Weniger. Weniger von dem, was uns ablenkt. Weniger von dem, was wir nur deshalb konsumieren, weil es uns angeboten wird. Vielleicht ist das auch für unsere persönliche Transformation ein guter Ausgangspunkt. Nicht das nächste Tool installieren. Nicht noch einen Podcast hören. Nicht noch mehr Informationen sammeln.

Sondern zunächst einmal das Handy für eine halbe Stunde abschalten. Jeden Tag. Eine halbe Stunde, in der niemand etwas von uns will. Keine Push-Nachricht, kein Algorithmus, keine Schlagzeile, kein Kommentar. Selbstbestimmung beginnt genau dort: mit einer halben Stunde, die wieder uns gehört und in der wir wieder darüber nachdenken können, wer wir sind und was wir möchten.

Lasst es uns versuchen. Wir haben nichts zu verlieren.

Mutige Grüsse
Michael Kres
ProMove TM

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